Gottesdienst – Ausdruck der Vielfalt und Einheit der Gemeinde

Was ist Gottesdienst? Unser Pfarrer Andreas Streich gibt eine Antwort mit sieben Thesen:

1. Gemeinde lebt vom weitergesagten (verkündigten) Wort Gottes. Analog zum mächtigen Schöpferwort Gottes am Anfang der Welt (Gen 1;2), verdankt die Kirche sich (und damit auch jede einzelne Gemeinde) als geistliche Größe ausschließlich diesem Wort Gottes. Sie ist creatura verbi, Schöpfung des Wortes (Gottes). Der Glaube kommt aus der Predigt (Röm 10,17; wörtl. „dem Gehörten“, das wiederum aus den Worten Christi kommt). Dabei vertrauen wir darauf, dass das Evangelium, das von Gottes heilmachendem Handeln in Jesus Christus zeugt, genau wie das heilmachende Handeln selbst direkt auf Gott zurück geht (2 Kor 5,19). Er hat es aufgerichtet. Wo es verkündigt wird, wirkt Gottes Heiliger Geist Glauben und stärkt Glaube, Liebe, Hoffnung.

2. Neben der individuellen Beschäftigung jedes Einzelnen mit dem Wort Gottes, lebt Gemeinde als Gemeinschaft eben davon, dass sie gemeinsam auf Gottes Wort hören. Gerade das ist das Fundament ihrer Gemeinschaft. Nicht menschliche Organisation, gemeinsame Interessen oder Sympathie führt Menschen in der Gemeinde zusammen, sondern das gemeinsam gehörte Wort Gottes und das gemeinsam gesprochene und gesungene Lob Gottes. Das Wort Gottes ist gemeinschaftsbildend und –fördernd. Entsprechend haben die Reformatoren definiert, was Kirche ist: „Es wird auch gelehrt, dass allezeit eine heilige, christliche Kirche sein und bleiben muss, die die Versammlung aller Gläubigen ist, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden.“ (Art. 7 des Augsburger Bekenntnisses, EG 853).

3. Gemeinde braucht Räume und Zeiten, wo sie gemeinsam mit diesem identitätsstiftenden und –stärkenden Wort Gottes Erfahrungen macht: indem sie es gemeinsam hört und ihm gemeinsam im gesungenen und gesprochenen Lob Antwort gibt. Dass hierbei (wöchentliche) Regelmäßigkeit gut tut, ist schon im Sabbatgebot intendiert. Die Erklärung Luthers zum 3. Gebot lautet entsprechend: „Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir die Predigt und sein Wort nicht verachten, sondern es heilig halten, gerne hören und lernen.“ (EG 834, S. 1491).

4. Der gemeinsam gefeierte Gottesdienst ist Ausdruck einer wertschätzenden Zuwendung zu den andern Menschen, die ich sonst vielleicht nicht im Blick hätte, weil sie nicht meiner Alters- oder Interessengruppe entsprechen. Mit anderen Worten: Hier findet Röm 15,7 und damit gelebte geschwisterliche Liebe statt.

5. In einer postmodernen und heterogener werdenden Gesellschaft bedarf es unterschiedlicher Formen des Gottesdienstes, um Menschen in ihrer jeweiligen Lebenswelt abzuholen und zu erreichen. Für die in unserer Gemeinde gelebte Vielfalt der Angebote und das damit verbundene intensive Engagement vieler Menschen bin ich sehr dankbar.

6. Für die Zukunft träume ich von unserer Gemeinde als Gemeinde, die beide Pole im Auge hat: Ein weites Herz für die, die wir bisher – mit unseren Formen – noch nicht erreicht haben. Die Vielfalt der Formen ist gewollt und ich wünsche mir eine Gemeinde, die Mut hat, aus Liebe zu den Menschen, auch im Gottesdienst immer wieder neue Wege zu gehen.
Und auf der anderen Seite wünsche ich unserer Gemeinde, dass wir noch mehr zusammen rücken. Dass wir uns – im Sinne der Jahreslosung – aktiv annehmen auch in unserer unterschiedlichen Art, Gottesdienst zu feiern. Nicht separiert in unterschiedlichen Gottesdiensten (an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten), sondern gemeinsam. Ich träume von einer Gemeinde, wo Menschen gerne und regelmäßig in den Gottesdienst gehen – nicht, weil und wenn ihnen die Form gefällt oder sie eine Funktion haben, sondern weil das gemeinsame Feiern – auf unterschiedlichste Art und Weise für uns im Vordergrund steht. Weil uns ganz einfach das Zusammensein mit den andern unter Gottes Wort wichtig ist. Dabei träume ich von einer Regelmäßigkeit, die Sonntag für Sonntag unser Gemeindeleben trägt.  

7. Ein solcher Traum lässt sich nicht durch Zwang oder moralisierende Appelle erreichen. Das wäre dem Selbstverständnis des Evangeliums zuwider, das immer auf unsere Zustimmung und Freiwilligkeit abzielt. Eine gewisse Ausnahme bildet die gebotene Regelpädagogik bei unseren Konfirmanden. Doch wo Menschen sich Gott hingeben und es ihnen ein Bedürfnis ist, regelmäßig die Zeit aufzubringen, um gemeinsam mit anderen – auch durch manchen Frust und manches Unbequeme hindurch – zu feiern (auch wenn nicht alles „Meins“ ist), dann entsteht eine Lebendigkeit eben durch dieses Wort Gottes, die durch keine andere Aktivität herbeigeführt werden kann. Dazu immer wieder und unerschrocken einzuladen – und sich selbst immer wieder dazu einladen zu lassen, ist bleibende Aufgabe von Gemeindeleitung.